Sonntag, 16. Januar 2011

Sonntag, 16. Januar 2011

Das Buch ist mittlerweile verfügbar und im Buchhandel erhältlich. Alles Weitere steht auf meiner Homepage www.johann-gradl.de.

Sonntag, 18. Juli 2010

Sonntag, 18. Juli 2010

Grosses Wasser: Foz do Iguaçu

Das Beste zum Schluss? Nein, das würde all den vielen wunderbaren Orten, die wir in den letzten zwölf Monaten bereist haben, nicht gerecht werden. Sagen wir mal lieber so: Ein weiterer Höhepunkt, welcher die Liste unserer Exkursionen abrundet. Ziel ist die Stadt Foz do Iguaçu mit den naheglegenen weltberühmten Wasserfällen von Iguaçu, einem UNESCO-Weltnaturerbe.

Die Entfernung von Campo Grande beträgt etwa 720 km. GoogleMaps empfiehlt, zehneinhalb Stunden dafür zu veranschlagen. Zuzüglich Pausen. Sollte also in einem Tag machbar sein. Frühzeitiges Aufbrechen vorausgesetzt, zumal es südwärts geht. Dort wird es, jetzt im Winter, noch früher dunkel als in Campo Grande.

Vor dem Aufbruch ein schneller Blick auf die Wettervorhersage. Nach über einem Monat ohne Regen mit angenehmen Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad steht nun eine deutliche Abkühlung ins Haus. Von Höchst¬temperaturen um die 15 Grad ist die Rede. Also unbedingt einen warmen Pullover in den Koffer packen.

Die Route ist wie schon so oft recht einfach: Die Stadt Richtung Süden verlassen, dann immer geradeaus auf der Bundesstraße 163 (»BR-163«)

Nach knapp 500 km gelangen wir an den Rio Paraná, der hier die Grenze zwischen den Bundesstaaten Mato Grosso do Sul und Paraná bildet. Die Flussüberquerung wird uns ermöglicht durch eine Brücke, welche den Namen des 1994 tödlich verunglückten Formel 1-Piloten Airton Senna trägt. Knapp 4 km ist der Fluss hier breit.

Nach weiteren gut 50 Kilometern sind wir zwar immer noch in Brasilien. Die Region könnte aber auch irgendwo in Bayern oder Thüringen liegen. Viele deutsche Namen, ordentlich herausgeputzte kleine Städte, Alleen mit Laubbäumen, die auch auf der Südhalbkugel im Winter ihre Blätter abwerfen. Nun ist es nicht mehr weit.

Wir erreichen unser Ziel kurz nach Sonnenuntergang. Die Lage der Stadt Foz do Iguaçu (»Mündung des Iguaçu«) ist bestimmt durch die Flussmündung des Rio Iguaçu in den Rio Paraná. Diese Mündung bildet zugleich ein Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay.

Eine Brücke nach Westen, die »Brücke der Freundschaft« (port. »Ponte da Amizade«, span. »Puente de la Amistad«) über den Rio Paraná führt schnurstracks nach Paraguay. Auf der anderen Seite liegt die zweitgrößte Stadt Paraguays »Ciudad del Este«. Gegründet als »Ciudad Flor de Lis« (»Lilienstadt«), musste sie später jahrzehntelang den Namen des Diktators Stroessner ertragen (»Puerto Stroessner«), um dann 1989 den heutigen Namen (»Stadt des Ostens«) anzunehmen.

Eine weitere Brücke führt nach Süden. Die »Internationale Brücke der Brüderlichkeit« (port. »Ponte Internacional da Fraternidade«). Offiziell heißt sie eigentlich »Ponte Internacional Tancredo Neves«, benannt nach dem brasilianischen Politiker, der 1985 erster ziviler Präsident nach der Militärdiktatur werden und damit dieses dunkle Kapitel der Geschichte beenden sollte. Tragischerweise erkrankte er schwer am Vorabend der Amtsübernahme und verstarb wenige Wochen darauf.

Diese Brücke also führt nach Argentinien in die Stadt »Puerto Iguazú«. Brasilien, Paraguay und Argentinien bilden ja, neben Uruguay und neuerdings Venezuela, die Wirtschaftsunion Mercosul. Dies hat in der Folge auch zu einem weitgehenden Abbau der Grenzkontrollen geführt, so dass man sich als Reisender nahezu ungehindert bewegen kann.

Die Stadt Foz do Iguaçu mit ihren gut 300.000 Einwohnern gilt als ausgesprochen multikulturell. Nach Rio de Janeiro ist sie das von ausländischen Touristen meistbesuchte Ziel Brasiliens. Für diesen Ansturm gibt es neben den bereits erwähnten Wasserfällen einen weiteren Grund: Das gigantische Wasserkraftwerk von Itaipu am Rio Paraná – bis zur Fertigstellung des chinesischen Drei-Schluchten-Kraftwerks das größte seiner Art in der Welt.

Im Moment interessieren uns jedoch keine Super-lative. Wir wollen nach einer langen Autofahrt unsere Pousada finden, warm duschen und etwas Ordentliches essen. Das Angebot an Hotels und Pensionen ist groß, sehr groß. Von der einfachen Jugendherberge bis zum Luxushotel mit direktem Blick auf die Wasserfälle.

Mit unserem Hang zu familiär geführten Pousadas, möglichst im Grünen, fällt unsere Wahl auf die »Pousada Sonho Meu«, zu deutsch »mein Traum«. Eine solide Wahl. Die Einrichtungs¬gegenstände sind aus Bambus (»bambu«) und Lianen (»cipó«) gefertigt. Ein rustikales harmonisches Ambiente, ganz nach unserem Geschmack.

Unser Haupaugenmerk gilt nun jedoch der Klimaanlage, die erfreulicherweise auch heizen kann. Wir haben nämlich „Glück“ und erleben die kältesten Tage des Jahres. Nicht nur die Höchsttemperaturen sind von einem Tag auf den anderen um etwa 15 gesunken, sondern auch die Tiefsttemperaturen. In der folgenden Nacht sollte das Thermometer auf redorkverdächtige null Grad sinken.

Wir überleben die eiskalte Nacht. Im Gegensatz zu den Zimmern ist der Frühstücksraum halb offen und unbeheizt. Schlotternd nehmen wir unseren „café da manhã“ zu uns, und zwar schnell, bevor alles kalt wird.

Am ersten Tag das Wichtigste zuerst: Der Besuch der Wasserfälle, eingebettet in einen Nationalpark, etwa 20 km außerhalb der Stadt.

Das Wort »Iguaçu« bedeutet in der Sprache der Guarani-Indios so viel wie »großes Wasser«. Eine durchaus nachvollziehbare Namensgebung. Der Rio Iguaçu ist mit gut 1.300 km etwas länger als der Rhein. Die Wasserfälle liegen nur wenige Kilometer oberhalb der Mündung. Die afrikanischen Victoriafälle sind zwar angeblich etwas höher, dafür sind die Iguaçu-Wasserrfälle breiter. Jetzt kann sich jeder aussuchen, welche davon die größten der Welt sind.

Viele tausend Kubikmeter Wasser pro Sekunde stürzen bis zu 75 Meter in die Tiefe und sorgen für eine ohrenbetäubende Lärmkulisse. Unterhaltung ist nur durch Zeichensprache oder Anschreien möglich.

Der größere Teil der Wasserfälle liegt auf argentinischem Territorium. Den schöneren Blick hat man – natürlich – von der brasilianischen Seite. Darin sind sich alle Brasilianer einig.

Den abschließenden Höhepunkt des Rundgangs bildet die »Garganta do Diabo«, der »Teufelsschlund«. Hier ergießen sich die Wassermassen von drei Seiten in U-Form nach unten. Kaum zu glauben, dass eine Vogelart, der sogenannte Rußsegler ausgerechnet in den Felswänden hinter dem Wasserfall seine Nistplätze errichtet. Der Vorteil liegt auf der Hand. Dort gelangt so leicht kein möglicher Feind hin. Beim Durchqueren des Wasservorhangs werden die Vögel zwar ein Stück mitgerissen, erleiden aber keine Schäden.

Am Nachmittag steht ein Wunderwerk der Technik auf dem Programm: Das Wasserkraftwerk Itaipu. Der Name, wieder ein Begriff aus der Sprache der Guarani-Indios, bedeutet »Singender Stein«. Eine Insel in der Nähe der ehemaligen Baustelle hieß so. Die Insel existiert nicht mehr. Sie versank, wie vieles andere, in dem künstlichen See, welcher durch die gigantische Staumauer, 7 km lang, bis zu 225 m hoch, entstand. Mit etwa 1.400 km2 ist dieser etwa dreimal so groß wie der Bodensee.

Mit dem hier verbauten Material hätte mehr als 200 Maracanã-Fußballstadien und fast 400 Eiffeltürme oder wahlweise 15 Eurotunnels errichten können. 40.000 Arbeiter waren in der Spitze am Werk.

Nun ist die Wassermenge bei den Iguaçu-Fällen schon unvorstellbar groß. Hier ist aber wird diese Menge noch einmal um ein Mehrfaches übertroffen: Bis zu 60.000 Kubikmeter fließen pro Sekunde durch die Staumauer.

Damit werden 20 Generatoren mit je 700 MW Leistung angetrieben. In der Regel sind 18 davon gleichzeitig in Betrieb, während die anderen beiden gewartet werden. Diese elektrische Leistung entspricht, wie bereits früher erwähnt, etwa 70% der Gesamtleistung aller aktiven Kernkraftwerke in Deutschland.

Eine weitere beeindruckende Zahl: Wollte man diese Menge an Energie durch Verbrennung von Öl gewinnen, so müsste man unvorstellbare 434.000 Barrel davon verfeuern, mit einem CO2-Ausstoß von knapp 200.000 Tonnen. Und zwar täglich.

Kleine Kuriosität am Rande: Die letzten beiden Turbinen werden von der Firma Voith Siemens Hydro Power Generation aus dem baden-württembergischen Heidenheim geliefert.

Vor vierzig Jahren, 1970, beginnen Planung und Machbarkeitsstudien. 1978 wird ein Kanal eröffnet, der das Gebiet, wo der Staudamm gebaut werden sollte, trockenlegt. Etwa 10.000 Familien müssen umgesiedelt werden. Hierdurch entstehen die sog. Brasiguaios: Brasilianer, welche sich mit der Entschädigung Land in Paraguay kaufen.

Während der Bauphase existieren zwei Eisfabriken auf dem Gelände mit einer Leistung von 80 Tonnen pro Stunde. Das Produkt diene nicht etwa dazu, die Getränke für die durstigen Arbeiter zu kühlen. Vielmehr wird es dem Beton beigemischt. Dadurch wird, bei Außentemperaturen von über 40 Grad das Trocknen verlangsamt, um spätere Risse im Bauwerk zu vermeiden. Eine damals neue, hier erstmals angewendete Technik.

Brasilien übernimmt vertragsgemäß die gesamten Baukosten und erhält im Gegenzug den größten Teil der produzierten elektrischen Energie.

1984 geht der erste Generator ans Netz. 2007 wird das Projekt offiziell für abgeschlossen erklärt. Heute bezieht Brasilien 90% des produzierten Stroms und deckt damit etwa 20% des Bedarfs. Paraguay erhält die restlichen 10%, kann damit aber 90% der landesweit benötigten Strommenge decken.

1992, bei meinem ersten Besuch, präsentierte sich Itaipu als Wasserkraftwerk. Heute, 2010, spannt der Film zu Beginn der Führung einen Bogen von Energie und Technologie, über soziale und ökologische Verant-wortung bis hin zu Tourismus. So sind etwa auf dem Gelände Lehr- und Forschungseinrichtungen entstanden. Falls es zu Beginn des Megaprojektes Itaipu Bedenken oder gar Widerstände gegeben haben sollte – heute ist davon nichts zu spüren. Im Gegenteil. Eine ganze Region profitiert davon, und dies nachhaltig, erhalten doch alle Gemeinden, deren Gebiet teilweise von dem Stausee überflutet wurde, einen Anteil an den Stromerlösen. Damit wurden etwa attraktive Bäder („balneários“) and den Ufern des Stausees errichtet.

Im Eingang des Besucherzentrum gibt eine Statistik Auskunft über die Herkunft der über 15 Millionen Besucher, welche in den Jahren 1977 bis 2009 den Weg hierher fanden. Die Brasilianer bilden natürlich die größte Gruppe, gefolgt von den Argentiniern und den Paraguayern. Doch dann kommen bereits – wer hätte das gedacht – die Deutschen.

Zu einem Besuch in Foz do Iguaçu gehört unbedingt auch ein Einkaufsbummel in Paraguay. Einzelne Familienmitglieder hegen die Hoffnung, dort diverses elektronisches Gerät zu unschlagbaren Schnäppchenpreisen erwerben zu können. An und für sich ein einfaches Unterfangen: Die Brücke überqueren, nacheinander die zahlreichen Einkaufszentren besuchen, Brücke erneut überqueren – fertig. So weit die Theorie.

Donnertstamorgen, gegen 9 Uhr. Wir nehmen die Auffahrt zur Brücke. Die brasilianischen Zöllner schenken und keinerlei Beachtung, wie auch deren paraguayische Kollegen auf der anderen Seite des Flusses uns einfach durchwinken. Schlagartig wird uns klar, dass unser Kennzeichen uns als auswärtige und daher vermutlich unkundige Besucher entlarvt. Zahllose hoch motivierte Verkäufer und „Einkaufsführer“ („guias de compras“) stürzen uns regelrecht auf uns, umringen förmlich unser Auto und reden auf uns ein, dass wir bitteschön genau diesen Parkplatz und jenes Geschäft aufsuchen sollen. Ich rechne jeden Moment damit, dass einer dieser „guias“ auf unser Motorhaube landet.

Der Verkehr gehorcht hier keinerlei Regeln. Wer eine Lücke entdeckt, stößt in diese hinein. Autos, Motoräder und Fußgänger bilden ein dichtes Mosaik, aus dem ein Entrinnen nur schwer möglich scheint. So wird das nichts. Irgendwie gelingt es uns, unser Fahrzeug zu wenden und heil das andere, das rettende, das brasilianische Ufer zu erreichen. Welch ein Kontrast. Hier das zivilisierte Foz do Iguaçu, eine Stadt die auch irgendwo in Europa liegen könnte, dort das chaotische, ja anarchische Ciudad del Este. Nun ist Ciudad del Este sicher nicht typisch für Paraguay. Das Land hat sicher viel mehr zu bieten als diesen anstrengenden Ort.

Und vielleicht war dieser erste kurze Eindruck nicht vollständig. Der weibliche Teil der Familie will diese Frage nicht weiter erörtern. Mein Sohn und ich wollen es wissen und beschließen, einen zweiten Versuch zu unternehmen. Zu Fuß. Schon ist alles anders. Das beginnt bereits an der Grenze. Während motorisierte Fahrzeuge ungehindert passieren, müssen wir uns ausweisen. Beinahe ist unser Ausflug bereits zu Ende, bevor er angefangen hat, braucht doch ein Elternteil die schriftliche Genehmigung des anderen, will er oder sie allein mit einem der Kinder reisen. Die Grenzpolisitin drückt ein Auge zu und lässt uns passieren. Siehe da, wir können uns frei bewegen, ohne belästigt zu werden.

Also rein in das erste Shopping-Center. Das Angebot ist überquellend. Es ist alles da. Alle Marken, alle Modelle. Lediglich die Preise sind deutlich höher als erwartet. Und das geht so: Elektronische Geräte sind in Brasilien etwa 20% bis 30% teurer als in Deutschland. Wenn nun diese Artikel in Paraguay um ein Drittel billiger zu haben sind als in Brasilien, so ist aus deutscher Sicht der Preisvorteil enttäuschend gering. Bedenkt man nun noch, dass eine eventuelle Garantieleistung nur schwer einzufordern wäre, so schrumpft das Kaufinteresse mit jeder Minute

Ganz mit leeren Händen wollen wir dann aber doch nicht heimkehren. So erwerben wir einen Musik- und Video-Player, einen sogenannten „mp5“, für 35 US-Dollar. Die Bezeichnung ist weniger technischer Natur, sondern setzt in kreativer Weise die Serie mp3 und mp4 logisch fort. Nun müssen wir unsere erworbene Ware nur noch durch den brasilianischen Zoll bringen. Dort angekommen reihen wir ein in die Schlange all jener, die den Fußweg gewählt hatten. Formular ausfüllen, Einkäufe registrieren, fertig. Abschließend werde ich darauf hingewiesen, dass mein nächster Einkauf erst wieder in 30 Tagen möglich ist. Das ist in Ordnung.

So endet unser Ausflug in das Dreiländereck. Für einen weiteren Besuch, dann aber bitte in einer wärmeren Jahreszeit, ist noch allerhand übrig. So etwa die argentinische Seite der Wasserfälle. Man soll ja immer etwas übriglassen für das nächste Mal.

Feliz Aniversário

Heute ist der Geburtstag unserer Deborah, unserer lieben Kleinen, die nun schon richtig groß ist. Wir freuen uns mit ihr und wünschen uns, dass sie sich weiterhin so prächtig entwickelt. Jetzt durfte jeder von uns einmal Geburtstag in Brasilien feiern. Hund inklusive.

Danke, Brasilien

Am kommenden Freitag fliegen wir zurück nach Deutschland. Zeit zum Abschiednehmen. Das ist nach wie vor nicht meine größte Stärke. Wer konnte aber auch ahnen, dass nach einem einzigen Jahr der Abschied uns so schwer fallen würde? Und ausgerechnet mir, dem einzigen Ausländer in der Familie? Vom Hund mal abgesehen.

So bin ich erfüllt von wehmütiger Dankbarkeit. Dankbar für all das, was ich in den letzten 360 Tagen erleben durfte.

Da wären an erster Stelle zu nennen die vielen schönen menschlichen Begegnungen, mit dieser so besonderen brasilianischen menschlichen Wärme (»calor humano«). Einer unsichtbaren Kraft, gegen die man selbst als Ausländer, der vielleicht mal lieber etwas Distanz halten möchte, absolut chancenlos ist.

Dankbar bin auch für alles andere, was in Brasilien reichhaltig vorhanden ist: Lebensfreude, Optimismus und Sonne. Letztere zwar in unterschiedlicher Intensität, aber doch das ganze Jahr über präsent.

Dann das Essen. Die reinste Hölle für Vegetarier. Zartes, saftiges Fleisch, frisch vom Grill. Mit Reis, Gemüse, Salat und einem eisgekühlten Bier. Gefolgt von Süßspeisen, in die man sich am liebsten reinsetzen würde. Unter diesen Umständen sein Körpergewicht stabil zu halten erfordert eine geradezu übermenschliche Anstrengung.

Was ich darüber hinaus vermissen werde? Dass ich hier das Radio anmache und ganz selbstverständlich brasilianische Musik erschallt. Zumindest dann, wenn man den richtigen Sender wählt. Einer dieser Sender ist »104,7 FM«, gewissermaßen der öffentlich-rechtliche Sender des Bundesstaates Mato Grosso do Sul. Hier bleibt einem das nervtötende Werbegeschrei erspart, dafür muss hin und wieder die Selbstbeweihräucherung der Landesregierung ertragen. Auf jedem Ort der Welt zu empfangen via Internet.

Natürlich werde ich auch das Wetter vermissen. Warme Abende und Nächte nicht nur im Hochsommer, sondern mindestens neun Monate im Jahr.

Gewiss werden mir auch die Samba-Abende im Hinterzimmer von Luis fehlen. Das ist dort, wo man längst nicht nur Samba lernen kann. Wenn man möchte. Mittwochs und freitags ab halb acht. Die Tür ist ja immer offen.

Vermutlich habe ich mich auch daran gewöhnt, dass die meisten Menschen hier in Brasilien sehr gepflegt in Erscheinung treten. Es geht dabei in keiner Weise um Designer-Klamotten. Vielmehr um Körperpflege und saubere Kleidung. Frauen sowieso, aber auch Männer. Der Poet Vinicius de Moraes, Autor des weltberühmten Liedes »Das Mädchen von Ipanema« brachte es vor vielen Jahren bereits auf den Punkt mit den Worten: »Die sehr Hässlichen mögen mir verzeihen, aber Schönheit ist fundamental.«

Dabei meint Schönheit nicht die angeborene Perfektion der körperlichen Proportionen, sondern jene Anmut, welche in der Seele des Menschen sich formt und in der äußeren Erscheinung ihren sichtbaren Ausdruck findet.

Ich hoffe sehr, dass ich etwas von der Gelassenheit der Brasilianer und Brasilianerinnen in den deutschen Alltag hinüberretten kann. Davon kann man nicht genug haben.

Schließlich werde ich sicherlich immer wieder den überwältigenden Eindrücken nachhängen, die verschwenderische Natur mit ihrer unendlichen Weite, ihren paradiesischen Wasserfällen und ihrem immergrünen und immer fruchtbaren Land in mir hinterlassen hat.

Was bleiben wird? Wir haben ein wunderbares Land sehr intensiv kennen gelernt. Unsere Kinder haben die Kultur samt Sprache sehr gut erlernt. Wir konnten herrlichen Reisen unternehmen.

Nicht zuletzt habe ich das Gefühl, dass meine Frau und ich uns dem Sog der Scheidungsstatistik entziehen können und auch dann noch zusammen bleiben werden, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind. Zu diesem Zeitpunkt weist diese Statistik des Scheiterns nämlich noch einmal einen deutlichen Peak aus. Im zurückliegenden Jahr konnten wir nämlich schon mal testen, wie es ist, wenn wir Alten zuhause sitzen, ohne Kinder. Schön war es. Sehr schön.

Auch der Beziehung zwischen uns Eltern und unseren Kindern hat diese Zeit gut getan. Ich merkte erst mal, was mir in den letzten Jahren alles entgangen ist, die Entwicklung meiner Kinder betreffend.

So werde ich mit einer reichhaltigen Menge an neuen Erfahrungen zurückkehren. Erfahrungen aus meiner ehrenamtlichen Tätigkeit, aus meiner musikalischen Aktivität, aus zahlreichen intensiven Naturerlebnissen, aus vielen menschlichen Begegnungen.

Noch wichtiger als all das ist jedoch das ganz konkrete Erleben der Tatsache, dass nicht Deutschland und auch nicht Europa das Zentrum des Universums sind, dass es andere Sichten auf diesen unseren Planeten gibt, die ganz andere Einblicke für uns bereithalten. Das lehrt Bescheidenheit und hilft, den eigenen Platz besser zu verstehen.

Zuletzt bleibt mir auch mein »Visto Permanente«. Das hilft. Wenn wir wieder kommen.

Das Buch zum Blog

Der Blog wird in überarbeiteter und erweiterter Fassung als Buch erscheinen. Ein Verlag hat bereits Interesse bekundet. Wenn Titel und Zeitpunkt des Erscheinens feststehen, so werde ich auf dieser Seite darüber informieren. Ich danke Euch, liebe Leserinnen und Leser, für Euer Interesse und Euer Feedback.

Sonntag, 4. Juli 2010

Sonntag, 4. Juli 2010

„Es ist nur ein Fußballspiel. Aber es tut weh."

Freitag, 2. Juli 2010. „Es ist nur ein Fußballspiel. Aber es tut weh. Es ist nur ein Fußballspiel. Aber es ist traurig.“ Mit diesen Worten fasst der Sportkommentator Galvão vom Sender „TV Globo“ die Befindlichkeit der Nation zusammen, nachdem das Unfassbare eingetreten ist. Die Seleção ist ausgeschieden. Die unerwartete Niederlage gegen Holland ist ein Schock. Man war sich so sicher, dieses Mal den sechsten Stern zu bekommen – bei allen Zweifeln am Trainer.

In der Stunde der Trauer zeigt sich aber auch eine Stärke der Brasilianer. Wer glaubt, dieses fußballbegeisterte Land würde nun in kollektive Trauer versinken, der irrt. Hat dieses Mal nicht geklappt, also versuchen wir es in vier Jahren wieder. Es bringt nichts, der verschütteten Milch nachzuweinen – so eine hiesige Redensart. Das Fernsehen reagiert in diesem Sinne. Blitzschnell schalten die Werbespots auf 2014 um, wenn die 20. Fußball-WM in Brasilien ausgetragen wird.

Noch-Trainer Dunga weiß sicher, dass er in seiner Position keine Zukunft hat. Der Vorwurf an ihn lautet – mit Blick auf die deutsche Mannschaft: Jogi Löw hat seine Jungstars mitgenommen. Dunga nicht.

Die Mannschaft jedoch wird keineswegs verdammt. Sie sind es ja in erster Linie, die verloren haben. Wer schon am Boden ist, auf den soll man bitte schön nicht auch noch eintreten, der braucht vielmehr liebevolle Unterstützung („carinho“). Auch das gehört dazu, die geschlagenen Helden emotional aufzufangen.

Samstag, 3. Juli 2010. Dass die Mannschaft Uruguays sich in einem Drama-Mix aus Handspiel und Elfmeterkrimi gegen Ghana durchsetzen konnte, wurde wohlwollend aufgenommen. Die „uruguaios“ gelten als nette Nachbarn, das Land als die Schweiz Südamerikas.

Ganz im Gegensatz zu den Argentiniern. Sie gelten in weiten Teilen der brasilianischen Bevölkerung als arrogant und daher als außerordentlich unbeliebt. Das Ausmaß dieser Aversion ist bei den Älteren stärker als bei den Jüngeren. Die Gründe sind zu suchen in jener Zeit, als Argentinien der reiche Nachbar des einst armen Brasiliens war. Als Buenos Aires sich das Paris Süd­amerikas nannte. Und als wohl Argentinier diese vermeintliche Überlegenheit gegenüber Brasilien in verächtlicher und herablassender Weise zum Ausdruck brachten.

Da Fußballspieler auch nur Menschen sind, werden derartige Ressentiments natürlich auch in sportliche Ereignisse hineingetragen. In der Folge kam es im Laufe der Jahrzehnte immer wieder mal zu unschönen Szenen bei Begegnungen der „Seleçao“ und der „Selección“. Irgendwann ist dann jener Punkt erreicht, wo die ursprüngliche Ursache gar keine Rolle mehr spielt, da sich inzwischen genügend Spannungspotential angehäuft hat. Etwa so wie bei verfeindeten Familienclans, wo die Enkel gar nicht mehr wissen, warum die Großväter einst sich zerkriegten. Erfreulicherweise gibt es inzwischen aber auch Stimmen, welche sagen, es sei doch nun mal ander Zeit, mit diesen „idiotischen Vorurteilen“ aufzuhören.

Noch sind dies aber eher die Rufer in der Wüste. Noch ist es aber die Person Maradona, welche all diese einst erlittene emotionale Kränkung auf sich konzentriert wie durch ein Brennglas. So läuft um 10 Uhr Ortszeit die deutsche Mannschaft mit der kollektiven emotionalen Unterstützung von 190 Millionen Brasilianern ins Stadion ein, um gegen Argentinien anzutreten.

Wenn es um die Unterstützung eines Fan für eine Mannschaft geht, so kennt die portugiesische Sprache kein Wort, um auszudrücken, dass man gegen eine Mannschaft ist. Man kann nur für eine Mannschaft sein, fiebern, hoffen, bangen – mit einem Wort „torcer“.

Nach der sehr guten Erfahrung vom letzten Sonntag, als wir ein Churrasco veranstalteten und die deutsche Mannschaft jene von England in einem herrlichen Spiel deutlich besiegte, beschließen wir, dies einfach genau so zu wiederholen.

Wir werden Augenzeugen jenes fulminanten Auftritt der deutschen Mannschaft. Unsere brasilianischen Gäste sind an diesem Vormittag eindeutig die besseren deutschen Fans. Ihre Energieleistung ist kaum zu überbieten. Ich bin überrascht vom Ausmaß der Emotionen, habe aber nun wirklich keine Zeit für solche Gedanken, muss ich doch das Grillgut vor dem Verkohlen bewahren und das fantastische Spiel mit­verfolgen.

Am Ende des vierfachen Torjubels fällt auf unserer Veranda der Satz: „Dieses Spiel hat meine Seele gereinigt.“ Die Niederlage des eigenen Teams am gestrigen Tages ist praktisch vergessen. Brasilien feiert die „Erniedrigung Maradonas“. Bleibt zweierlei zu hoffen. Erstens. Dass damit die alten Rechnungen beglichen sind und Argentinier und Brasilianer sich nun mit Respekt auf Augenhöhe begegnen können. Und zweitens, dass die deutsche Mannschaft am kommenden Mittwoch gegen Spanien erneut ein bezauberndes Spiel zeigt.


Dienstag, 29. Juni 2010

Dienstag, 29. Juni 2010

Südamerika 4, Europa 3

Mittwoch, 23. Juni 2010. Zweiter Tag des ent­schei­denden dritten Durchgangs der Vorrunde. Gestern verabschiedete sich Frankreich mit einer Niederlage gegen den Gastgeber Südafrika, trainiert vom Brasilianer Carlos Alberto Parreira, der Brasilien 1994 zum Titel führte. Mehr noch als das Ausscheiden des Vize­welt­meisters verwunderte die Brasilianer jedoch die Tatsache, dass der französische Trainer seinem brasilianischen Kollegen am Ende des Spiels den Händedruck ver­wei­gerte. Schlechtes Benehmen, und das als Repräsent des Landes vor laufenden Kameras – für Brasilianer undenkbar.

Während man hierzulande bereits über das Spiel der Seleção gegen die portugiesische Elf debattiert, geht es für uns erst einmal darum, dass Deutschland die Vorrunde übersteht. Ein Sieg gegen Ghana muss her.

Was haben Grimms Märchen mit Sommermärchen zu tun? Beide sparen nicht mit Grausamkeiten. So auch heute. Der Fan leidet ordentlich, bis endlich Özil klarstellt, dass es ein nächstes Spiel geben wird.

Freitag, 25. Juni 2010. Nun hat es auch Italien erwischt. Aber immerhin haben sie der Nachwelt ein letztes dramatisch-spannendes Spiel geliefert und sich mit Anstand verabschiedet.

Jeztz ist alle Aufmerksamkeit auf das mit Span­nung erwartete Spiel Brasiliens gegen Portugal gerichtet. Anpfiff um 10 Uhr Ortszeit.

Die Schule unserer Kinder stellt ihren Betrieb um 9 Uhr ein, damit Schüler und Lehrer noch rechtzeitig zum heimischen Fernseher kommen können. Die sonst verbindlich vorgeschriebene Schuluniform darf heute ausnahmsweise durch das kanariengelbe Trikot der Seleção ersetzt werden.

Das Spiel gerät zum torlosen Langweiler, bei dem kein Team („equipe“) dem anderen wirklich wehtun will. Der brasilianische Fan („torcedor“) ist natürlich enttäuscht, konzentriert sich in seiner Betrachtung jedoch auf die Tatsache, dass der Gruppensieg und damit das Ziel bis hierher erreicht worden ist.

Samstag, 26. Juni 2010. Es beginnt die K.o.-Runde („fase eliminatória“). Uruguay empfiehlt sich als erste Mannschaft für das Viertelfinale. Alle fünf süd­ameri­kanischen Mann sind noch im Rennen, während nur sechs der dreizehn europäischen Teams die erste Hürde nehmen konnten. So etwas wird südlich des „Aquators“ aufmerksam registriert.

Wir werden in diesen Tagen immer wieder gefragt, mit welcher Mannschaft wir in der deutsch-brasilianischen Familie es denn halten. Wir rechnen dann vor, dass wir zusammen bereits achtmal gewonnen haben („octacampeão“). Die Antwort überzeugt.

Sonntag, 27. Juni 2010. Heute also Deutschland gegen England. Der Klassiker. Und das bereits im Achtelfinale. Schuld daran sind natürlich die Engländer, die in ihrer Gruppe nicht gewinnen konnten.

Mein Tag beginnt um 6:20 Uhr. Sonntagmorgen, geschätzte 22 Grad, Sonne, strahlend blauer Himmel. Wir haben ein paar Freunde eingeladen, um mit ihnen auf unserer Veranda bei einem Churrasco das Spiel zu verfolgen. Dank unserer Freunde aus Heidelberg, welche uns Anfang Mai besuchten und uns im Nachgang eine Grundausstattung an Fan-Utensilien zuschickten, erstrahlt unsere Veranda in schwarz-rot-gold.

Anstoß Punkt 10 Uhr. Bis dahin muss alles gerichtet sein. Erst aber mal Kaffee machen, die Online-Presse im Vorfeld des Spiels überfliegen. Aha, die englischen Boulevardblätter sind dieses Mal zurück­haltender als bei früheren Ausgaben dieses Klassikers.

Unser Supermarkt öffnet auch sonntags um 7 Uhr seine Tore. Ich bin einer der ersten Kunden. Grillkohle (“carvão”), allerlei Grillgut, Getränke. An der Fleisch­theke komme ich mit dem jungen Mann, der mich bedient, ins Gespräch. Ich offenbare meine Nationalität, er zeigt mir sein Namensschild: “Brettschneider”. Ich erkläre ihm die Bedeutung seines Namens, den seine Vorfahren aus Deutschland mitgebracht haben. Er freut sich und verspricht, heute die deutsche Mannschaft zu unterstützen.

Schnell noch an der Tankstelle vorbei, einen Sack Eis in den Kofferraum laden. Zuhause angekommen, das Wichtigste zuerst: Getränke in den Styroporbehälter füllen, das geschredderte Eis darüber streuen, Deckel zu. Spätestens zur Halbzeitpause wird die Zieltemperatur erreicht sein. Jetzt nur noch den Grill (“churrasqueira”) vorbereiten, das Grillbesteck reinigen, diverse Kleinig­keiten – fertig.

Der Vorbericht im Fernsehen beginnt mit Bildern von einer deutschen Gemeinde in Blumenau, einer von deutschen Einwanderern geprägten Stadt im Süden Brasiliens. Ausgelassene Fröhlichkeit in Trachten, vor Fachwerkhäusern. Klein-Deutschland wie aus dem Bil­derbuch.

Das Spiel beginnt. Kurz nach Kloses Energieleistung zum 1:0 mache ich das Feuer an. Während die Flammen sich langssam ausbreiten, kann Podolski die Vorlage von Müller relativ mühelos verwandeln. Nun muss sich erst mal in Ruhe Glut bilden, da kann ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf das Spiel richten, wo erst das eine, dann das andere Gegentor fällt und nicht gegeben wird. Nicht auszudenken, wenn es bei dem Spielstand bliebe.

In der Halbzeitpause kann ich in Ruhe die ersten Spieße vorbereiten und auflegen. Vor dem Hauptgang nimmt der Churrasco-Liebhaber nämlich gerne schon mal ein paar Stückchen gegrillter Wurst (“lingüiça”) zu sich. Nur nichts anbrennen lassen. Die Temperatur auf dem Spielfeld steigt mit der Temperatur im Grill (“churrasqueira”). Oder umgekehrt. Beim 3:1 fällt mir fast ein Fleischspieß in die Glut. Nach dem 4:1 erreichen mich erste Glückwünsche per Telefon.

Dass am Nachmittag Argentinien die Partie für sich entscheidet, überrascht niemanden. Die Sympathien der Brasilianer werden am kommenden Samstag beim Spiel von Deutschland gegen Argentinien sicherlich mehr­heitlich auf Seiten der Deutschen sein, wenngleich manche sich insgeheim doch ein Finale Brasilien-Argentinien wünschen. Es wäre das erste in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaft.

Montag, 28. Juni 2010. Holland erreicht im Schongang gegen die Slovakei das Viertelfinale. Das Spiel wird hierzulande aufmerksam verfolgt, wird hier doch der übernächste Gegner der Seleção ermittelt. Dass im heutigen Spiel Brasiliens gegen Chile etwas schiefgehen könnte, damit rechnet niemand ernsthaft. Dennoch will man sich das Spiel nicht entgehen lassen.

Ich mache die Probe aufs Exempel. Eine halbe Stunde vor Anpfiff begebe ich mich ins Stadtzentrum. Ich treffe auf viele bereits geschlossene Geschäfte und einige, welche gerade dabei sind, ihren Betrieb einzustellen. Wo sonst um diese Tageszeit dichter Verkehr herrscht, dominiert nun gähnende Leere. In Bars und an Tankstellen versammelt man sich um die Fernseher. Mit dem Anpfiff kommt das öffentliche Leben völlig zum Erliegen.

Das Spiel selbst ist eine klare Angelegenheit. Chile ist einer der Lieblingsgegner Brasiliens. 47 Siege bei nur 7 Niederlagen. Der Klassenunterschied ist auch heute überdeutlich. Drei schöne Tore. Nun nur noch drei Spiele bis zum Titelgewinn. Ob gegen Deutschlan oder Argentinien ist dabei sekundär.

Dienstag, 29. Juni 2010. Paraguay erreicht erstmals ein Viertelfinale. Die hiesige paraguayische Gemeinde bejubelt das Resultat, sieht über das grauenhafte Spiel großzügig hinweg. Spanien setzt sich gegen Portugal durch. Das Bedauern über das Ausscheiden der ehemaligen Kolonialmacht hält sich in Grenzen.

Damit sind die verbliebenen letzten Acht bekannt. Erstmals in der Geschichte sind vier Mannschaften Südamerikas vertreten. Dazu dreimal Europa, einmal Afrika.

Die Abendnachrichten berichten pflichtgemäß von den Spielen des Tages, um dann sehr schnell zu den Themen zu kommen, welche die Nation in diesen Tagen bewegen: der nun wieder schmerzende Knöchel von Mittelfeldspieler Elano, der ebenfalls lädierte Knöchel von Felipe Melo sowie das verletzte Knie von Júlio Baptista.

Doch die Holländern seien gewarnt: Die brasilianische Seleção verfügt trotz aller Blessuren noch über eine große Anzahl von einwandfrei funktionierenden Knöcheln und Knien.

Wahltag. Bei aller Kritik, die über Deutschlands Ex-Bundespräsident Köhler nach dessen Rücktritt herein­gebrochen ist – eines muss man ihm wirklich lassen: Er hat den Zeitpunkt seines Rücktritts so geschickt gewählt, dass im Einklang mit dem Grundgesetz die Wahl seines Nachfolgers an einem spielfreien Tag erfolgen kann.

Montag, 21. Juni 2010

Montag, 21. Juni 2010

Fußball ist alles


Montag, 14. Juni 2010.

Nach dem begeisternden Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft (»seleção alemã«) mit dem 4:0-Sieg über Australien am gestrigen Sonntag nehme ich heute von allen Seiten Glückwünsche entgegen wie sonst allenfalls an meinem Geburtstag. Auch meinen Kinder wird von ihren Schulkameraden gratuliert. Brasilianer sind großzügig und fair. Sie erkennen an, wenn andere Großes leisten.


Und sie bleiben höflich, wenn andere unter den Erwartungen bleiben. Wie im Falle von Frankreich, England und Italien, welche allesamt nicht über ein Unentschieden hinauskommen.


Die Erwartungen an das morgige erste Spiel der brasilianischen Seleção sind dadurch natürlich noch höher geworden.


Punkt 14:30 h Ortszeit wird das öffentliche Leben zum Erliegen kommen, wenn die Partie Brasilien gegen Nordkorea angepfiffen wird. Die meisten Firmen beenden den Arbeitstag rechtzeitig vorher. Selbst die Banken schließen. Es würden ja sowieso keine Kunden kommen. Es gibt kein anderes Ereignis, welche die Aufmerksamkeit der 190 Millionen Brasilianer – und auch Brasilianerinnen – derart bindet wie ein Fußballspiel bei der WM. Selbst der Karneval kann da nicht mithalten.


Dienstag, 15. Juni 2010.

WM-Tag Nummer fünf beginnt mit Unentschieden Nummer fünf und Nummer sechs. Das wird doch nicht so weiter gehen?


Gegen 13 Uhr mache ich mich auf den Weg zur »Cidade da Copa«, zur »WM-Stadt«. Vor sechs Monaten beherbergte dieser Platz eine Art Weihnachtsmarkt. Die Häuschen und Hütten wurden nun kurzerhand in gelb und grün dekoriert – fertig ist die WM-Stadt. Dazu noch ein gigantischer Monitor – fertig ist das Public Viewing. Über die termingerechte Fertigstellung aller Arbeiten wacht keine Geringere als die First Lady (»Primeira Dama«) der Stadt, die Frau des Oberbürgermeisters (»Prefeito«). 30.000 Zuschauer werden erwartet.


Als ich eine Stunde vor Spielbeginn am Ort des Geschehens eintreffe, bin ich sehr überrascht. Alle Sitzplätze sind bereits besetzt. Sehr ungewöhnlich für Brasilianer, die sonst eher auf den letzten Drücker erscheinen. Aber die WM setzt allerlei Gesetze außer Kraft.


Die Stimmung ist ausgelassen, kanariengelb die dominierende Farbe. Frenetischer Jubel beim Anpfiff. Das erste Tor gegen den fußballerischen Nobody aus Nordkorea kann ja nur eine Frage von wenigen Minuten sein.


Nach 20 Minuten werden die Fans langsam aber sicher ungeduldig. Der Lärmpegel steigt merklich. Als zur Halbzeit immer noch kein Tor gefallen ist, ist der brasilianische Fan zwar irritiert, isr überzeugt davon, dass in Halbzeit zwei alles nachgeholt wird. Ist halt das erste Spiel. Und dann ist es auch noch ungemütlich kalt in Johannesburg.


Nach insgesamt 55 Minuten erlöst Maicon mit seinem Schuss aus eigentlich unmöglicher Position eine ganze Nation. Gott ist halt doch Brasilianer.


Mit Tor Nummer zwei kurz darauf ist die fußballerische Weltordnung wieder hergestellt. Dass Nordkorea noch trifft und der Enstand nur 2:1 lautet, tut der Stimmung keinen Abbruch. Hauptsache gewonnen. Es gefeiert, als hätte Brasilien den Titel schon in der Tasche. Auto-Korsos, Tanzen auf der Straße, Feuerwerk.


Mittwoch, 16. Juni 2010.

Die WM hat ihre erste Sensation. Der große Favorit Spanien scheitert an der Schweiz. Otmar Hitzfeld, der alte Trainerfuchs, hat es wieder einmal geschafft. Erst die Spanier anrennen lassen, bis sie ermüden, dann die Chance zum Konter eiskalt nutzen. Und schon hinter wieder zumachen.


Die Spiele dieser Gruppe werden natürlich hier besonders aufmerksam verfolgt, da in der nächsten Runde Brasilien, das sich selbstverständlich qualifizieren wird, auf eine dieser Mannschaften treffen wird.


In der ganzen Berichterstattung über das gestrige Spiel der Seleção sticht das hiesige Portal CapitalNews heraus, das die Befindlichkeit auf den Punkt bringt : „Brasilien beginnt mit einem mageren Sieg, die Fans haben ihre Zweifel, feiern aber einfach trotzdem.“ Recht so.


Donnnerstag, 17. Juni 2010.


Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Am Sonntag geht es gegen das Team der Elfenbeinküste („Costa do Marfim“), das immerhin den Portugiesen, Vierter der letzten WM, ein Unentschieden abgerungen hat.


Erst aber steht morgen früh, 7:30 h Ortszeit Campo Grande, Deutschland-Serbien auf dem Programm. Wir freuen uns auf noch mehr Zauberfußball.


Dass die deutsche Mannschaft mit Abstand das beste Spiel des ersten Durchgangs der Vorrunde abgeliefert hat, wird auch in Brasilien neidlos anerkannt.


Nun ist Frankreich – ähnlich wie 2002 – bereits nach dem zweiten Spiel so gut wie ausgeschieden. Die Brasilianer haben die heutige Niederlage gegen Mexiko durchaus mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, war doch der amtierende Vize-Weltmeister bereits dreimal - 1986, 1998 und 2006 - Endstation für die Seleção.


Freitag, 18. Juni 2010.

Morgens viertel vor Sieben die Kinder in die Schule bringen, Anpfiff um halb acht. Das passt genau. Draußen strahlender Sonnenschein. Drinnen alles bereit für einen weiteren bezaubernden Auftritt der deutschen Multi-Kulti-Elf. Nun ja – hat nicht sollen sein. Der Weg zu Erfolg ist selten geradlinig. Wird halt das deutsche Sommermärchen 2010 für einige Tage unterbrochen.


Samstag, 19. Juni 2010.

Die von den Deutschen im Auftaktspiel arg gebeutelten Australier erringen dankenswerter Weise ein Unentschieden gegen Ghana und geben der deutschen Mannschaft damit die Möglichkeit, aus eigener Kraft den Gruppensieg zu erringen.


Aus brasilianischer Sicht ist dies jedoch nur eine Randnotiz. Schließlich läuft die Seleção morgen zum zweiten Mal auf. Ein klarer Sieg wird erwartet und – ein schönes Spiel. Mit anderen Worten: Bitte schön mindestens ein Tor bereits in der ersten Halbzeit, und wenn möglich mehr als zwei insgesamt.


Sonntag, 20. Juni 2010.

Sonntagmorgen spielt mein Lieblingsradiosender „Rádio MS“ stets „Ritmos da fronteira“, übersetzt „Rhythmen aus dem Grenzgebiet“. Gemeint ist die Grenze des Bundesstaates Mato Grosso do Sul mit Paraguay. Campo Grande beherbergt eine große Gemeinde von „paraguaios“, die natürlich an diesem Morgen das Spiel ihrer Mannschaft gegen jene der Slovakei verfolgen. Paraguay hatte im ersten Spiel dem amtierendem Weltmeister bereits ein 1:1 abgetrotzt, gewinnt nun mit 2:0 – und übernimmt die Tabellen¬führung, da die „Azzurri“ auch gegen Neuseeland nicht gewinnen können. Langsam könnte man sich um Europas Fußballmannschaften machen, wenn man dies wollte.


Für solche Überlegungen bleibt wenig Zeit, schließlich wird um 14:30 h Brasilien gegen Elfeinbeinküste („Costa do Marfim“) angepfiffen. Ein Land steht zusammen. Selbst die Kirche und der örtliche Sex-Shop, sonst auf jeweils ihre eigene Weise diskret, wollen da nicht abseits stehen. Pfarrer erbitten im Sonntagsgottesdienst den göttlichen Segen für einen Sieg der Seleção. Die Schaufensterpuppe im Erotikladen ist in grün-gelbe „Lingerie“ gekleidet.


Die brasilianische Mannschaft erfüllt die Erwartungen, das ist die Hauptsache. Brasilien ist für die nächste Runde qualifiziert. Gelb-rot für Kaká, Handspiel durch Luis Fabiano – Details, welche der weite Mantel der Geschichte schon in Kürze dem Vergessen überantworten wird.


Montag, 21. Juni 2010.

Portugals sieben Tore gegen Nordkorea – die Schwalbe, die den Auftritt der europäischen Mannschaften zum Sommer macht? Und das heute an dem Tag, da auf der Südhalbkugel der Winter beginnt?


Nun, da jede Mannschaft zwei Spiele absolviert hat, sieht vieles danach aus, dass dies eine WM der Mannschaften Südamerikas wird. Es sind dies in alphabetischer Reihenfolge: Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay, Uruguay.


Die Beweislast ist geradezu erdrückend. Erstens: Keine der südamerikanischen Mannschaften hat bislang verloren. Zweitens: Drei der vier Teams, welche beide Spiele gewonnen haben, kommen aus Südamerika. Drittens: Alle südamerikanischen Teams belegen in ihren Gruppen jeweils Platz eins.


Aber vielleicht kommt auch alles ganz anders. Klar ist hingegen, dass heute, am Winteranfang, das Thermometer hier deutlich die 30 Grad überschritt. Für die Jahreszeit zu warm. Für uns gerade richtig.