Dienstag, 11. Mai 2010

Dienstag, 11. Mai 2010

BONITO

Besuch aus Deutschland. Endlich. Nach unserer Rückkehr nach Deutschland wird man uns ja fragen, ob wir Besuch von dort bekommen. Nun also können wir ohne zu zögern antworten mit einem „Klar doch! Logisch!“. Unsere Freunde haben den weiten Weg auf sich genommen. Zwölf Stunden von Frankfurt nach São Paulo, weitere anderthalb bis Campo Grande.


Wir wissen Besuch der beiden ganz besonders zu schätzen. War doch wenige Tage vor ihrer Abreise die isländische Vulkanwolke das alles beherrschende Thema. In Deutschland. Eine Woche später kräht kein Hahn mehr danach. Schall und Rauch.


Vor ihrer Abreise fragen sie uns, was sie uns denn aus Deutschland mitbringen sollen? Tja, äh, hmm. Ja, eigentlich – danke für das Angebot. Fehlt uns wirklich nichts aus Deutschland? Vor sechs Monaten wäre die hiesige Knoblauchpresse, welche den Knoblauch nur sehr unzureichend zerkleinert, ein Thema gewesen. Inzwischen: Lappalie. Ein Erdinger Weißbier vielleicht! Geht aber nicht. Im Handgepäck nicht erlaubt, im Koffer ein explosives Risiko. Danke, wirklich sehr nett, wir haben hier wirklich alles.


Natürlich wollen wir unseren Freunden das Beste zeigen, was die Gegend hier zu bieten hat. Wir nutzen die Gelegenheit für einen Besuch in Bonito. Das Wort „bonito“ bedeutet „schön“. Und so ist die Gegend um diese Stadt. Ein grandioses Naturparadies, gesegnet mit zahlreichen fischreichen Flüssen voller kristallklaren Wassers, verschwenderisch ausgestattet mit unzähligen kleineren und größeren Wasserfällen.


Dieses touristische Ziel ist sehr gut erschlossen – in ökologischer und nachhaltiger Weise, wie stets betont wird – und in ganz Brasilien bekannt. In der Hauptreisezeit, also im Dezember und Januar, müssen auch die Brasilianer rechtzeitig im Voraus reservieren, auch wenn dies ihrer Spontaneität eigentlich zuwider läuft. Nicht nur Hotel oder Pousada wollen gebucht werden, sondern auch die gewünschten „passeios“, also die Ausflüge und Aktivitäten, die man dort unternehmen möchte. Und davon gibt es zahlreiche. Wandern, Baden, Schwimmen, Reiten, Höhlenbesuche mit oder ohne Abseilen etc.


Die Teilnehmerzahl pro Tag pro Aktivität ist begrenzt. Ergebnis einer Vereinbarung zwischen den lokalen Anbietern, der Stadtverwaltung und der Umweltbehörde. Der Tourist und die Touristin werden umfassend mit Kartenmaterial und Infomaterial ausgestattet, so dass er oder sie weiß, was ihn oder sie erwartet. Eine Handvoll Agenturen („agências“) wickeln die Buchung ab. Sie sorgen dafür, dass ihre Kunden zur richtigen Zeit mit der richtigen Ausstattung am richtigen Ort sind.


Noch haben wir jedoch 300 Kilometer vor uns. Der Kalender zeigt unmissverständlich Herbst an. Dieser Umstand hat zur Folge, dass es um 6 Uhr abends bereits dunkel ist. Wirklich dunkel. Stockdunkel. Rabenschwarz. Um diese Zeit will man dann gerne schon angekommen sein. Wir drängen zum zügigen Aufbruch, als unsere Kinder von der Schule zurückgekehrt sind. Schon halb zwei. Das wird knapp.


Für die dreihundert Kilometer müssen wir viereinhalb Stunden veranschlagen. 75 km/h im Durchschnitt plus eine halbe Stunde Pause in Sidrolândia. Dort gibt es nämlich ein besonders gutes „Pão de Queijo“. Das muss man einfach mitnehmen.


„Pão de Queijo“ heißt wörtlich „Käsebrot“. Diese wörtliche Übersetzung ist aber in keiner Weise geeignet, die unwiderstehliche Anziehungskraft dieser brasilianischen Leckerei auch nur annähernd zu beschreiben. Ein gutes „Pão de Queijo“ kann ein Stimmungstief mit einem einzigen Bissen vergessen machen. Das Wohlbefinden, welches sich nach dessen Verzehr einstellt, ist einzigartig. Das „Pão de Queijo“ kommt ursprünglich aus Minas Gerais, ist aber heutzutage in ganz Brasilien bekannt und beliebt. Hier in Mato Grosso do Sul, Grenzregion zu Paraguay, ist die Variante namens „Chipa“ weit verbreitet. Der Unterschied liegt weniger im Geschmack als mehr in der Form. Während „Pão de Queijo“ in rundlicher Form („Käsebällchen“) zubereitet wird, kommt die „Chipa“ in Gestalt eines Hufeisens daher.


Also Halt in Sidrolândia. Wir versorgen uns mit den kulinarischen Köstlichkeiten. Zum Mitnehmen. Weiter geht’s. Die Sonne senkt sich schnell. Das Abendlicht hat einen ganz besonderen Reiz. Die Landschaft strahlt plötzlich ganz intensiv. Wir aber sind erfahren und kennen diesen Trick. In Wirklichkeit heißt das, dass es ruckzuck dunkel wird. Erfahrung zahlt sich auch. Wir geben Gas. Das heißt Alkohol. Die umweltfreundliche Alternative zu Benzin.


Wir schaffen es nicht ganz. Die letzte halbe Stunde des Weges tappen bzw. fahren wir im Dunkeln. Vergeben und vergessen, als wir unsere Pousada erreichen. Ein großzügiges Ambiente mit einer schnellen Erholungsrate. Schwimmbad, Fischteich, Tennisplätze, Fitnessgeräte. „Recanto dos Pássaros“, „Eine Rückzugsecke für Vögel“, so der Name unserer Pousada.


Unsere Gastgeber heißen Oshiro und Shizuru. Japanische Einwanderer gibt es ja viele in Brasilien. Die Besitzer unserer Pousada sprechen auch noch japanisch. Er, Oshiro, wuchs in Brasilien auf, ging dann zurück nach Japan, heiratete seine Frau Shizuru und überzeugte sie davon, die Enge Japans gegen die Weite Brasiliens einzutauschen. Sie folgte ihm. Vor gut zehn Jahren eröffneten sie ihre Pousada in Bonito. Und sind immer noch dort.

Sie empfangen uns mit der möglicherweise weltweit einzigartigen Herzlichkeit, die der Mischung aus brasilianischer und japanischer Mentalität entspringt.


Die Pousada liegt abseits der Hauptstraße, verfügt deshalb aber über ein wesentlich größeres Areal. Größere Zimmer, größerer Parkplatz, ein Fischteich, zwei Tennisplätze. Das passt. Wir bleiben und fühlen uns wohl.

Der Ruf nach Abendessen wird laut. Wie wohl überall auf der Welt werben die Restaurant in der der Hauptstraße besonders intensiv und farbenträchtig für ihre Angebote. Mich dagegen zieht es in die weniger beleuchteten Seitenstraßen. Bei unserem ersten Besuch, Ende 2008, gab es da ein familiäres Lokal, in dem wir zweimal sehr gut gespeist haben. Ich will zumindest wissen, ob diese Art von Qualität Bestand hat.


Sie hat. Das Restaurant „Bom Tempero“ („Gutes Gewürz“) existiert nach wie vor. Eine Speisekarte gibt es nicht. Wozu auch? Es gibt ja nichts auszuwählen. Der Hausherr bietet ein Essen an. Entweder wir nehmen das – oder eben nicht. Er gibt bereitwillig Auskunft über das Angebot an diesem Abend. Wir bleiben. Das Essen, bestehend aus Reis, Bohnen, gebratenem Fleisch, Nudeln und Salat, lässt keine Wünsche offen.


Unser Gastgeber offenbart auf Nachfrage, dass er früher als Ingenieur arbeitete und Brücken baute. Irgendwann jedoch folgte er seiner Frau in dem Wunsch, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. „O amor é lindo.“, sagen die Brasilianer dazu. „Die Liebe ist wunderbar.“


Das Kreuz des Südens ist an diesem Abend besonders gut auszumachen. Keine Wolke trübt den Sternenhimmel. Das sieht gut aus, sogar sehr gut für unser Vorhaben am nächsten Tag.


Frühstück um sieben Uhr. Das Frühstücksbuffet breitet zahlreiche Köstlichkeiten vor unseren Augen und Geschmacksnerven aus. Erst Obst und verschiedene frisch gepresste Säfte, dann süße Teilchen, gefolgt von Rührei. Oder doch in umgekehrter Reihenfolge? Entscheidungen, mit denen jeder allein zurückbleibt. Im Ergebnis sind wir alle, unabhängig von der Verzehrreihenfolge, gut genährt und bester Laune für die Unternehmung des Tages.


„Estância Mimosa“ lautet unser Ziel. Es handelt sich um ein etwa 10 km2 großes Anwesen, etwa 25 km von der Stadt Bonito entfernt. Da die Straße nicht asphaltiert ist, müssen wir mit einer gute halbe Stunde Fahrt rechnen. Vorher müssen wir in einer „agência“ noch die Tickets kaufen. Um 9 Uhr werden wir am Zielort erwartet.


Das schaffen wir. Wir werden gewohnt freundlich empfangen und zuerst einmal zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Ein zweites Frühstück. Kann ja nicht schaden. Ein älteres Ehepaar aus Porto Alegre, der südlichsten Großstadt Brasiliens, gesellt sich zu uns. Siehe da, er spricht deutsch. War mal tätig für Siemens in Karlsruhe. Vor vielen Jahren. 1958.


Unser Guide („guia“) namens Wagner stimmt uns ein auf das, was kommt. Eine Wanderung durch den Wald, immer in der Nähe des „Rio Mimoso“. Dabei sollen wir insgesamt acht Wasserfälle zu Gesicht bekommen. Fünf davon mit Badevergnügen, drei nur zum Anschauen („contemplação“). Mit anderen Worten: Gleich mal Badekleidung überstreifen, dazu – wenig kleidsam, aber außerordentlich nützlich – Schuhe, wie auch der Taucher sie verwendet. Ein Zugeständnis an den felsigen und zum Teil scharfkantigen Untergrund. Es kann losgehen.


Wir haben großes Glück mit dem Wetter. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein – bestes Herbstwetter bei geschätzten 30 Grad. Der erste Wasserfall lässt nicht lange auf sich warten. Einer „zum Anfassen“. Worauf warten wir noch. Gut, das Wasser ist frisch. Geschätzte 23 Grad. Der Genuss ist jedoch ungetrübt. Etwa 25 Meter sind schwimmend zu überwinden bis zum Wasserfall („cachoeira“).


Ein köstlicher Genuss. Das frische, klare Wasser ist eine Wohltat. Der Wasserfall ist schnell erreicht. Geplagte Rücken werden auf ganz natürliche und sanfte Weise vom herabstürzenden Wasser massiert und revitalisiert. Hinter dem Wasservorhang versteckt sich eine kleine Grotte. Die Tauschschuhe erweisen sich als außerordentlich hilfreich auf dem felsigen Untergrund. So kann es weitergehen.


Und es geht so weiter. Ein Wasserfall schöner als der andere – von berauschender Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes. An einer Stelle können sich Wagemutige aus sechs Metern Höhe in die Tiefe stürzen. Hinreichende Wassertiefe garantiert.


Von Wagner erfahren wir, dass das Anwesen vor etwa zehn Jahren den Besitzer wechselte. Der Vorbesitzer versuchte, das vielfältige Holz der Bäume zu Geld zu machen. Der aktuelle Eigentümer erkannte dagegen die Chancen des Tourismus. Der Erfolg stellte sich ein. Der Ertrag ist um ein Vielfaches größer und fließt noch dazu nachhaltig. Touristen wachsen schneller nach als Bäume.


Auch hier ist die Besucherzahl begrenzt. Täglich werden maximal 12 Gruppen mit höchstens 12 Teilnehmern empfangen. Wie schön, dass die Vernunft über den Wunsch nach schnellem Profit gestellt wird.


Nach gut drei Stunden Wander- und Badevergnügen sind alle zufrieden und bereit für ein reichhaltiges Mittagessen („almoço“). Im Preis inbegriffen. Ein überbordendes Buffet mit allem, was die Region zu bieten hat, erwartet uns bereits. Und das ist ganz schön viel. Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Geflügel, dazu Reis und Bohnen, Salate und etwa ein Dutzend verschiedene Desserts. Unsere Gastgeber meinen es sehr gut mit uns. Am Ende der Mahlzeit erfasst mich diese leichte Melancholie, resultierend aus der bitteren Erkenntnis, dass ich leider nicht noch mehr essen kann.


Nach solch einem Erlebnis für alle Sinne braucht man Ruhe, um all diese vielen Eindrücke auf sich wirken lassen zu können. Die Hängematte ist dafür der ideale Ort. Auch wollen Kräfte gesammelt werden für das Vorhaben am Abend, das „Projeto Jibóia“.


Henrique kommt ursprünglich aus São Paulo, tingelte eine Zeitlang durch die Welt, lebte u.a. in den USA, in Deutschland und Australien. In Berlin verdingte er sich als Unterhalter in S- und U-Bahnen, in Australien entdeckte er seine Passion: Schlangen. Seine Mission: Den Menschen ihre irrationale Angst vor den Schlangen zu nehmen. Während in der Mythologie der Indios die Schlange vielfach als Gottheit verehrt wird, symbolisiert sie in der christlichen alles Böse.


„Jibóia“ ist der brasilianische Name für die Boa Constrictor, auch Königsschlange genannt, eine Würgeschlange, welche in weiten Teilen Lateinamerikas anzutreffen ist. Henrique bietet seinen Besuchern die Möglichkeit, diese elegante Tier aus nächster Nähe kennen zu lernen. Er legt ihnen dar, dass Menschen in dessen Speisekarte keinen Platz haben. Lässig legt er sich und seinen Gästen eine anderthalb Meter lange Boa um den Hals. Das Tier lässt dies mit sich geschehen, macht einen gelangweilten Eindruck.


Dies ändert sich schlagartig, als es zur Fütterung kommt. Das Opfer, eine Maus, wird blitzschnell erwürgt. Der Druck ist dabei wohl dosiert. Die Knochen des Opfers sollen ganz bleiben. Zersplitterte Knochen können der Schlange innere Verletzungen verursachen. Henrique hat noch viel zu tun, werden doch immer noch viele Schlangen aus Angst getötet. Wir wünschen ihm weiterhin viel Erfolg mit seinem Projekt.


Die Liste der möglichen Attraktionen in Bonito ist lang. Darunter sind auch spektakuläre Aktivitäten, wie das Abseilen in einen gut 70 Meter tief gelegenen See in einer Höhle. Adrenalin garantiert. Ein anderes Mal vielleicht.

Wir entscheiden uns für einen Besuch des „Balneário Municipal Rio Formoso“, des „Städtischen Bades“ am Rio Formoso. Hier gibt es keine Schwimmbecken. Der Badegast stürzt sich vielmehr in den Rio Formoso und lässt sich, umgeben von zahllosen Fischen, im kristallklaren Wasser treiben. Gegen eine geringe Gebühr kann man sich eine Schwimmweste ausleihen und mit deren Hilfe die erforderliche körperliche Anstrengung auf ein Minimum reduzieren. Ein unspektakuläres, aber herrliches Vergnügen.


Unser Besuch in Bonito geht zu Ende. Ein herrliches Fleckchen Erde. Wir kommen wieder. Ganz bestimmt. Irgendwann.


KÄLTEREKORD


Konnten wir in Bonito noch strahlenden Sonnenschein und Temperaturen um die 30 Grad genießen, so hat sich eine gute Woche später das Bild drastisch gewandelt. Kaum hatte unser Besuch die Rückreise angetreten, ergriff eine Kaltfront Besitz von uns. Das war so nicht vorgesehen. Brasilien hat gefälligst sonnig und warm zu sein. Das ganze Jahr über bitteschön. Von wegen. Heute Morgen hält Campo Grande den innerbrasilianischen Minusrekord mit 8 Grad Celsius. Tagsüber sollen es gerade mal 16 Grad werden. Zum Glück hält dieses kühle Wetter nicht lange an. In wenigen Tagen soll mit 28 Grad wieder tropische Normalität einkehren.


Dienstag, 27. April 2010

Dienstag, 27. April 2010

SAMBA


Anfang der achtziger Jahre besuchte ich in München ein Konzert des brasilianischen Gitarristen, Komponisten und Sängers Baden Powell. Die Wirkung dieses Abends sollte nachhaltig sein. Meine Begeisterung für brasilianische Musik war entfacht und ist es bis zum heutigen Tag geblieben.


Was liegt also näher als meine Zeit in Brasilien auch dafür zu nutzen, mich auf musikalischem Gebiet weiterzubilden? Ich fasse den Entschluss, das Instrument Cavaquinho zu erlernen.


Das Cavaquinho ist fester Bestandteil einer jeden Samba-Formation. Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Gitarre für Kleinkinder. Trotz der unscheinbaren Größe kommt ihm jedoch eine zentrale Bedeutung zu, da es sowohl das harmonische Fundament liefert als auch den Rhythmus vorantreibt. Und die im Samba verwendeten Akkordfolgen sind wesentlich komplexer als jene drei Akkorde, welche für bayerische Volksmusik oder Rock’n’Roll ausreichen.


Dieses putzige Instrumentchen besitzt 4 stahlharte Saiten, welche von der rechten Hand mit einem Plektron (»palheta«) angeschlagen werden. Und zwar häufig ziemlich schnell, und stets in einem nicht trivialen Rhythmus. Für die linke Hand hat dies zur Folge, dass das Instrument erst dann schmerzfrei bedient werden kann, wenn sich eine ordentliche Hornhaut auf den Fingerkappen herausgebildet hat.


Nun ist brasilianische Musik nicht mit Samba gleichzusetzen. Doch ist der (und bitte nicht: die!) Samba ein wesentliches Element, welches in die allermeisten Stilrichtungen hineinwirkt. Für die Gesamtheit der brasilianischen populären Musik verwendet man den Begriff »Música Popular Brasileira«, kurz »MPB«. Im Unterschied zu dem, was wir etwa in Deutschland als Popmusik verstehen, zeichnet sich MPB durch eine enge Verbindung zur traditionellen brasilianischen Musik aus. Auch wird MPB quer durch alle Alters- und sozialen Schichten gehört. »Volksmusik« im besten Sinne des Wortes also.


Viele der ganz großen Künstler sind seit Jahrzehnten aktiv. Allen voran Roberto Carlos. In Europa ist der gleichnamige Fußballspieler vermutlich besser bekannt. Man kann jedoch getrost davon ausgehen, dass dessen Mutter den Sänger Roberto Carlos sehr verehrte und daher ihrem Sohn den Namen gab. Roberto Carlos hat eine dreistellige Millionenzahl von Alben verkauft. Millionen von Brasilianern, vorwiegend Brasilianerinnen, könnte man nachts um drei wecken, und sie würden einem mindestens ein Dutzend Hits von Roberto Carlos auswendig vorsingen.


Ein wesentliches Merkmal der »Música Popular Brasileira« ist, dass in der Landessprache, also in Portugiesisch, gesungen wird. Dies dürfte auch der wesentliche Grund dafür sein, dass brasilianische Musik in Europa, von Portugal und vielleicht noch Spanien abgesehen, weitgehend unbekannt ist. »Lambada« ist da eher die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.


Cavaquinho also. Die Stimmung der Saiten (d’-g’-h’-d’’) ist mit der Stimmung der vier höchsten Saiten einer Gitarre (d-g-h-e’) zu drei Vierteln identisch und erleichtert meiner linken Hand, welche mit der Gitarre vertraut ist, somit die Arbeit.


Eine Herausforderung dagegen ist die Benennung der musikalischen Noten. Im englisch-sprachigen Raum pflegt man ja die musikalischen Noten der C-Dur-Tonleiter (das sind die weißen Tasten auf dem Klavier) mit den Buchstaben c, d, e, f, g, a, b, c zu bezeichnen. Deutschland brät insofern eine Extrawurst, als das »b« hier »h« heißt, während das deutsche »b« im Englisch »b flat« genannt wird. Details.


Im romanischen Sprachraum jedoch, also auch in Brasilien, ist es wieder anders. Hier sind die Bezeichnungen Do-Re-Mi-Fa-So-La-Si-Do üblich. Als international agierender Musiker muss man halt geistig flexibel sein.


Während der Entschluss, dieses Instrument zu erlernen, in mir noch im Reifen begriffen ist und ich ausführlich das Für und Wider gegeneinander abwäge, schafft meine Frau Tatsachen. Sie begibt sich in ein Musikinstrumentengeschäft, lässt sich die Telefonnummer eines Lehrers für Cavaquinho geben, kehrt nach Hause zurück, ruft diesen augenblicklich an und reicht mir den Hörer. Äh, wer? Ach so, hallo, ja, tudo bem? Ok, alles klar. Dann bis Dienstagabend. Er heißt Luis.


Es ist Dienstagabend. Ich klingle an der angegebenen Adresse. Nichts passiert. Ich drücke abermals den Knopf. Eine Frau öffnet, ich erkläre mich, sie weist nach hinten, auf die Veranda, zu den anderen und ruft mir noch nach, dass die Tür doch immer offen sei. Ach so.


Die anderen, das sind fünf Schüler und ein Lehrer. Der Lehrer ist derjenige, welcher als einziger kein Cavaquinho, sondern eine Sambatrommel, ein sogenanntes »tantã« auf dem Schoß hält.


Er begrüßt mich mit dieser wunderbaren brasilianischen Freundlichkeit, die mit einem einzigen Lächeln und ganz ohne Worte eine ganze Botschaft vermittelt: »Komm herein, sei uns willkommen, fühle Dich wie zuhause, entspanne Dich, wir freuen uns, dass Du da bist, sei einfach Du selbst, ich habe nicht viel anzubieten, aber das Wenige will ich gerne mit Dir teilen.«


Ich nehme diese Einladung gerne an und setze mich in die Runde. Luis sitzt im Rollstuhl. Außerdem wollen die Finger seiner rechten Hand nicht mehr so recht. Das Instrument, das er unterrichtet, kann er selbst seit vielen Jahren nicht mehr spielen. Autounfall.


Das tut der Qualität des Unterrichts keinerlei Abbruch. Ein guter Lehrer unterrichtet seine Schüler schließlich nicht dadurch, dass er das zu Erlernende vormacht. Ich hatte mal eine Klavierlehrerin, die spielte in all den Jahren während meiner Unterrichtsstunden keine einzige Note. Eigentlich weiß ich gar nicht, ob sie überhaupt Klavier spielen kann.


Zurück zu Luis. Sein Unterricht ist eine gruppendynamische Meisterleistung. Bei ihm gibt es keinen Einzelunterricht. Es sind immer drei, vier, fünf Schüler anwesend. Luis widmet sich im Wechsel den Einzelnen, bittet mitunter die Fortgeschrittenen, den Anfängern etwas zu zeigen.


Zwischendurch wird immer wieder in der Gruppe gespielt. Der Meister sagt dazu an, was zu spielen ist, gibt mit seiner Trommel Tempo und Takt vor, singt dazu – mal Text, mal Akkordsequenzen, unterbricht bei falschen Tönen, korrigiert, spricht seine Schüler mit »professor« an. Mit einem Wort: Der Unterricht ist ein einziges »Happening«.


Der Rhythmus. Die einfachste Variante für mich, den Anfänger ist die Folgende. Sei »ta« ein betonter Abschlag und »ki« ein unbetonter Aufschlag, jeweils vom Wert einer Sechzehntelnote. Dann geht das wie folgt ab: ta-ta-ki-ta-ta-ki-ta-ki-ta-ki-ta-ki-ta-ta-ki-ta-ki-ta-ki-ta-ta-ki etc.


Man muss es halt ein paar tausend Mal üben, schon geht es ganz locker von der Hand.


Luis unterrichtet auch schon mal Jugendliche, die kein Geld für den Unterricht haben. Schließlich ist es besser, wenn sie Musik machen als auf der Straße herumlungern.


Im Moment aber braucht Luis selbst Hilfe. Genau genommen seine 82-jährige Mutter. Die alte Dame ist krank und braucht eine spezielle Behandlung, welche sie selbst bezahlen muss. Da könnte man nun jammern und wehklagen und über das Gesundheitssystem lamentieren.


Weil dies aber die Situation in keiner Weise verbessern würde, wird stattdessen beschlossen, alle Freunde und Bekannte für Sonntagmittag einzuladen, ein einfaches Essen zu reichen, dafür einen etwas höheren Preis zu verlangen mit dem Hinweis, dass der Erlös dem guten Zweck zu Gute kommt.


So treffen sich die »Amigos do Luis« im Innenhof einer örtlichen Sambaschule. Luis muss ein glücklicher Mensch sein, denn er hat offenbar viele Freunde. Etwa zweihundert sind gekommen, um mit ihrem Obolus die kranke Mutter zu unterstützen.


Der geräumige Innenhof beherbergt mehrere große blühende »Paineiras«. Das sind große breitkronige Bäume, welche angenehmen Schatten spenden und im Deutschen den sperrigen Namen »Florettseidenbaum« tragen. Meine Frau weist daraufhin, dass wir uns quasi in einem brasilianischen Biergarten befinden. Das ist eine sehr treffende Bemerkung, die aber eigentlich von mir kommen hätte müssen.


Natürlich gibt es Samba. Live und handgemacht. Man unterhält sich und freut sich des Lebens und ist optimistisch, dass die alte Senhora wieder genesen wird.


Nebenbei trifft meine Tochter Deborah ihre Lieblingslehrerin Arlete. Sie ist Luis‘ Schwester. Die Welt ist auch in Campo Grande ein Dorf.


Zweimal die Woche, mittwochs und freitags, melde ich mich gegen 19 Uhr zuhause ab. Die folgenden zwei bis drei Stunden geht es um Samba. Wir machen Musik, in den Pausen unterhalten wir uns über Gott und die Welt. Und dabei gibt es immer ordentlich zu Lachen. Luis hat sich seine Lebensfreude nämlich nicht nehmen lassen – körperliche Beeinträchtigung hin oder her. Dafür hat man Familie und Freunde, die einem helfen.


An diesen Abenden lerne ich nun also das Instrument Cavaquinho. Und noch Vieles mehr. Morgen wieder.

Sonntag, 11. April 2010

Sonntag, 11. April 2010

MÄNNERSACHE


Gründonnerstag, abends gegen 23 Uhr. Etwa 40 Männer im Alter zwischen 20 und 65 Jahren machen sich auf den Weg zu einem geradezu archaischen Abenteuer. Die Rede ist vom Angeln. Ort des Geschehens: Der Pantanal.


Und das im einundzwanzigsten Jahrhundert? Die Mehrzahl der Teilnehmer sind Mitglieder einer Freimaurerloge, der „Grande Loja“. Man sagt jedoch, dass sich das Angeln auch in anderen Männerzirkeln nach wie vor großer Beliebtheit erfreut.


Von meinem angeheirateten Cousin Aldo war bereits verschiedentlich die Rede. Aldo ist Freimaurer. Ihm habe ich die Einladung zu diesem besonderen Ereignis zu verdanken.


Meine Erfahrungen mit Fischen beschränkten sich in der Vergangenheit auf die Auswahl von Gerichten aus einer gut sortierten Speisekarte sowie die Auswahl von tiefgefrorenen, handlich abgepackten Produkten aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt.


Nun also der Fisch als lebendige Beute. Noch ist es aber nicht so weit. Erst wollen ca. 370 km zurückgelegt werden. Für die Fahrt steht ein nagelneuer komfortabler Reisebus zur Verfügung. Der Besitzer des zugehörigen Reiseunternehmens ist auch Freimaurer, kann jedoch aus familiären Gründen leider nicht teilnehmen.


Auch ein gemächlich dahinrollender Reisebus kann diese Strecke in 5 Stunden zurücklegen. Dies ergäbe eine geschätzte Ankunftszeit von 4 Uhr morgens. Doch es sollte anders kommen. Der brasilianische Angler benötigt zur Erfüllung seiner Mission eine ganze Reihe von Utensilien: Ein zum Befahren des Flusses geeignetes Boot, einen kundigen Bootsführer, Angelausrüstung sowie Köder. Letztere müssen frisch sein und werden daher unterwegs beschafft.


Einschlägige Geschäfte am Stadtrand wissen genau, wann ihre Kundschaft sich auf den Weg macht und halten ihre Ware auch um Mitternacht noch gerne bereit. Was fressen Fische so? Unterschiedlich. Die einen bevorzugen Früchte, andere lange dicke Würmer, wieder andere kleine Fische. Am besten, wir nehmen von allem etwas.


Weiter geht’s. Ein weiterer Stopp ist der Tatsache geschuldet, dass die Biervorräte deutlich früher als geplant zur Neige gehen. Einmal Volltanken bitte.


Es ist vermutlich überall auf der Welt das Gleiche. Wenn mehr als zehn menschliche Wesen versammelt sind, so gibt es solche, welche Verständnis dafür aufbringen, dass nachts um zwei Uhr bisweilen das Bedürfnis nach Schlaf aufkommt, und andere, welche diesen Gedanken als völlig abwegig empfinden. Derart polarisiert gelangt unsere Reisegesellschaft kurz nach 5 Uhr ans Ziel.


Das Ziel erweist sich als ein auf Stelzen gebautes Hotel am Ufer des Rio Paraguai, des Paraguay-Flusses. Im Laufe eines Jahres, so erfahre ich, verändert sich die Wasserhöhe um mehrere Meter. Daher die Stelzen. Im Moment ist der Wasserstand relativ niedrig. Im Frühjahr, etwa im September, ist das Hotel nur per Boot erreichbar.


Der Rio Paraguay ist mit gut 2.500 km Länge nur geringfügig kürzer als die Donau, dennoch aber nur der elftlängste Fluss Südamerikas. Er entspringt im Nachbarstaat Mato Grosso, durchzieht den Bundesstaat Mato Grosso do Sul sowie das Nachbarland Paraguay in Nord-Süd-Richtung, erreicht gerade noch Argentinien und mündet schließlich kurz nach der Grenze in den insgesamt 4.000 km langen Rio Paraná.


Nun aber ist keine Zeit für derartige Betrachtungen. Schnell die Sachen aus dem Bus ins Vierbettzimmer schaffen. Schnell eine Tasse Kaffee hinunterstürzen. Schnell ein paar Brote für den Vormittag schmieren. Schnell alles Nötige für den Angel-Tag zusammenraffen. Die „Piloteiros“, die Bootsführer, warten nämlich bereits. Der frühe Angler fängt den Fisch.


Je zwei Angler und ein „Piloteiro“ teilen sich ein Boot. Mein Angel-Partner heißt Pedrinho und ist seines Zeichens ein wahrhaft passionierter Angler. Bereits während der Busfahrt wird mir von verschiedenen Seiten dazu gratuliert, dass ich Pedrinho als Partner bekommen habe. Pedrinho weiß alles über die Fische dieser Gegend: Was sie gerne fressen, wann sie gerne fressen und wo.


Darüber hinaus besitzt er das erforderliche Equipment in mehrfacher Ausführung, so dass er mich, den blutigen Anfänger, mit versorgen kann.


Dann mal los. Peba, unser Piloteiro, gibt Vollgas flussabwärts, der aufgehenden Sonne entgegen. Eine atemberaubende Landschaft zieht an uns vorbei. Die Landschaft ist wie gemalt. Lediglich der Lärm des Außenborders stört den perfekten Sinneseindruck.


Das Flussufer ist nicht auszumachen, da vielfältige auf dem Wasser treibende Pflanzen dem Ufer vorgelagert sind. Nach etwa 20 Minuten erreichen wir den Rio Miranda und fahren flussaufwärts. Dort soll es besonders fischreiche Gebiete geben.


Etwa weitere 15 Minuten sind wir am Ziel. Es beginnt das sich vielfach wiederholende Ritual: Das Boot quer zur Strömung stellen, den Köder befestigen, die Angel auswerfen und – warten. Nach einer ereignislosen Weile wirft der Piloteiro den Motor an und fährt den Kahn wieder ein Stück flussaufwärts. Die Sequenz beginnt von Vorne.


In sehr seltenen Fällen jedoch fällt ein Fisch auf unsere Köder herein. Dann weicht die wohltuende Ruhe binnen Sekundenbruchteilen einer hektischen Betriebsamkeit. Derjenige, welche die Beute an seiner Angel wähnt, wird von den beiden Mit-Anglern mit gutgemeinten Anweisungen bombardiert, auf dass es ja gelingen möge, das Objekt der Begierde an Bord zu hieven.


Das sprichwörtliche Anfängerglück ereilt mich gleich zweimal kurz hintereinander. In beiden Fällen handelt es sich bei den Opfern um einen Pacu („Piaractus mesopotamicus“) von knapp 50 cm Länge. Die Länge ist von Bedeutung und entscheidet über Leben und Tod. Das „Instituto de Meio Ambiente de Mato Grosso de Sul“, gewissermaßen das „Landesumweltinstitut“, hat nämlich Mindestgrößen je Fischart festgelegt.


Für den Pacu beträgt diese Mindestlänge 45 cm. Meine beiden Opfer haben folglich Pech. Die Dreckarbeit übernimmt der Piloteiro. Er greift zu einem Rundholz und befördert sie mit einem gezielten Schlag vom Leben zum Tod. Andere haben mehr Glück und kommen mit einer vom Angelhaken verursachten Wunde in Maulnähe davon.


Die Ausbeute des Tages ist sehr überschaubar. Ganze vier Fische entreißen wir dem Rio Miranda. Ich gelange zu dem Schluss, dass der von Angler diesen Typs angerichtete ökologische Schaden verkraftbar ist und durch die finanziellen Transferleistungen in diese strukturschwache Gegend – Angeln ist summa summarum sauteuer – mehr als aufgewogen wird.


Meine Ausbeute erscheint mir als recht dürftig, ich darf jedoch nach unserer Rückkehr an Land feststellen, dass wir im Vergleich zu unseren Anglerkollegen gut dastehen. Unser Piloteiro kümmert sich übrigens auch um den Rest: Die Fische „ausnehmen“ und in den Kühlraum schaffen.


Der Arbeitstag des Anglers findet sein natürlich es Ende mit dem Einbruch der Dunkelheit gegen 18 Uhr. Dieser Zeitpunkt ist auch das Wecksignal für die Moskitos, so dass es zwei Gründe gibt, den Rückzug ins Hotel anzutreten. Am Abend werden natürlich erst einmal die vielfältigen Erlebnisse während des Tages ausgeschmückt. Eine gewisse phantasievolle Ausschmückung ist dabei erlaubt, ja sogar erwünscht.


Für den nächsten Morgen wird Wecken um fünf Uhr vereinbart. Der verantwortungsbewusste Angler bettet sich daher zeitig zur Nachtruhe.


Der zweite Tag steht unter dem Zeichen eines Wettbewerbs („Campeonato“) in den Kategorien „größter gefangener Fisch“ und „größte Anzahl von gefangenen Fischen“. Noch ein Grund, möglichst früh aufzubrechen. Wieder fahren wir der aufgehenden Sonne entgegen. Ein Schauspiel, dessen man schwerlich überdrüssig werden kann.


Der Tag sollte sich als Glückstag erweisen – für die Fische. Für die Anleger hingegen eine Katastrophe. Es ist, als hätten die Fische über Nacht dazu gelernt. In der gesamten ersten Tageshälfte können wir genau einen Fang verbuchen. Wiederum ist der Triumph mir vergönnt. So ruhen die gesamten Hoffnungen auf dem Nachmittag.


Doch zunächst wartet ein Mittagessen auf uns. Heute nicht im Hotel, sondern auf einer Flussinsel, in unberührter Natur auf einer kleinen Lichtung am Ufer. Dort wird mal eben schnell ein rustikaler Grill installiert, um mitgebrachte Fleischstücke und Fische zu grillen. Dazu Brot und Salat. Wasser zum Waschen der Zutaten ist ja genug da – im Fluss. Das Flusswasser besitzt zwar eine leicht trübe Färbung, kann aber bedenkenlos getrunken werden.


Dazu wird mal eben ein „Sashimi“ zubereitet. Allerdings etwas „rustikaler“ als man es aus japanischen Restaurants in Deutschland kennen dürfte. Man nehme frischen Fisch und filetiere diesen mittels in gekonnter Weise. Das Fischfilet wird vermengt mit reichlich rohen Zwiebeln, frischem geriebenem Ingwer, Pfeffer sowie reichlich Sojasoße. Teller und Besteck sind knapp, also wird reihum aus einem Teller mit einer Gabel gegessen. So etwas verbindet. Und es schmeckt einfach gut.


Der Nachmittag erfüllt die Hoffnungen nicht, was dass Ausmaß des Fischfangs anbelangt. Lediglich unserem Piloteiro ist es vergönnt, einen weiteren Pacu aus dem Wasser zu ziehen. Mein Companheiro Pedrinho ist sichtlich enttäuscht, weiß aber als Profi, dass nach dem Angeln vor dem Angeln ist. Er verbringt jährlich etwa zehn Wochenenden mit dieser Freizeitbeschäftigung. Ich hingegen fühle mich über Gebühr entschädigt durch die Möglichkeit, diverse „exotische“ Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können. Ariranhas etwa, sehr große und nicht ungefährliche Fischotter, die uns lautstark wissen lassen, dass wir in ihr Revier eingedrungen sind. Oder verschiedene Affen, die in ufernahen Bäumen sich tummeln.


So kehren wir schließlich mit unserem bescheidenen Beutefang zum Hotel zurück. Wir erfahren, dass unsere Anglerkollegen ähnlich wenig Glück hatten. Schwamm drüber. Der Hausherr des Hotels hat rechtzeitig zu unserer Rückkehr ein eisgekühltes Bierfass angestochen und reicht den abgekämpften Anglern ein „Chopp“, ein Bier vom Fass. Dieses Wort – man kann es erahnen – ist vom deutschen Schoppen abgeleitet, wird hierzulande jedoch ausschließlich für Bier verwendet.


Es wird ein heiterer Abend. Wichtiger als der anglerische Erfolg sind in den Augen der versammelten Sportsfreunde Gemeinschaft („companhia“), Freundschaft („amizade“) und Freude („alegria“). Recht so.

Obwohl es an diesem Abend natürlich später wird, sind am folgenden Morgen, dem Ostermorgen, um 6 Uhr alle bereit für die Abreise. Nicht vergessen werden darf natürlich, die gefangenen und inzwischen tiefgefroreren Fische einzuladen. Der vorausschauende Angler hat hierfür natürlich geeignete Behältnisse mitgebracht, welche nun zusätzlich mit Eis gefüllt werden. Alles ist verstaut, es kann losgehen.


Das Abenteuer im Pantanal geht langsam aber sich zu Ende. Anfang September wollen sie sich wieder auf den Weg machen. Und dann beißt er ganz bestimmt an, der ganz große Fisch.


NACHTRAG


Leider erwies sich nach meiner Rückkehr aus dem Pantanal die Speicherkarte mit der überwiegenden Mehrzahl der Fotos als defekt. Noch habe ich Hoffnung, dass die Aufnahmen gerettet werden können. Falls es so kommt, werde ich das Bildmaterial nachreichen.